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Birresborn

Eifelgemeinde mit Herz

Gewerbe

Kommt ein "Hühner-KZ" ins Kylltal?

In ganz Rheinland-Pfalz gibt es rund 1,3 Millionen Legehennen in Volierenhaltung. Geht es nach dem Willen zweier Niederländer, kommen bald auf einen Schlag 330 000 weitere hinzu.

BIRRESBORN. In ganz Rheinland-Pfalz gibt es rund 1,3 Millionen Legehennen in Volierenhaltung. Geht es nach dem Willen zweier Niederländer, kommen bald auf einen Schlag 330 000 weitere hinzu. Und zwar im bis jetzt idyllischen Kylltal bei Birresborn im Vulkaneifelkreis. Denn die Gemeinde hat ein Problem: Seit 2008 interessiert sich kein Investor für ihr Gewerbegebiet. Massentierhaltung könnte aus Sicht einiger die Lösung sein.

Sieht man den Werbetrailer der Hühnerhalter Smits aus dem niederländischen Gilze-Rijen, die auch in Niedersachsen Legehennenfarmen haben, so möchte man nichts lieber als ein Huhn sein: Zu sanfter Klaviermusik flattern schneeweiße Federbällchen unbeschwert durch den Stall oder schauen wachen Auges in die Kamera. Der kleine Film sorgte auf einer Bürgerversammlung in Birresborn für Erstaunen: "Wir kennen aus der Massentierhaltung aber doch ganz andere Bilder", warf ein besorgter Bürger angesichts der Pläne von Johan und Peter Smits ein, die im Kylltal eine Farm für 330 000 Legehennen bauen wollen. Drei Ställe von je 110 mal 24 Metern Ausmaß, 24 Futtersilos und zwei Hallen für Sortierung und Lagerung sollen entstehen, auch eine Wohnung für einen künftigen, aus den Niederlanden importierten Werksleiter. Acht neue Vollzeit- und acht Teilzeitjobs sind die Arbeitsplatzperspektiven, dem niederländischen Projektberater Bert Wagenmakers zufolge besonders geeignet für Eifeler Hausfrauen und gering Qualifizierte.

Viel Protest regte sich indessen nicht: Da sich ausschließlich Birresborner Bürgerinnen und Bürger äußern durften, blieben die anwesenden Vertreter von Naturschutzverbänden oder die grünen Politiker aus der Verbandsgemeinde und dem Land ebenso stumm wie Geflügelhalter aus der Eifel, die die Pläne ebenso aufmerksam wie kritisch beobachteten und sich nur im persönlichen Gespräch nach der Versammlung mit ihrem Fachwissen bemerkbar machen konnten. Manch einer erntete Beifall für das, was vermutlich viele Birresborner umtreibt: "Für unser Gewerbegebiet gab es noch nie Interessenten; jetzt sind welche da. Wir sollten die Gelegenheit nutzen", brachte ein Gemeinderatsmitglied die vermutliche Mehrheitsmeinung zum aktuellen Informationsstand auf den Punkt.

Investition für die Zukunft oder ungelegtes Ei?

Zwar muss die Gemeinde weiteres Geld in Höhe von mehreren hunderttausend Euro aufbringen, um das fragliche Areal von 35 000 Quadratmetern fertig zu erschließen und eine notwendige Linksabbiegerspur zur Farm zu finanzieren. Doch angeblich bekommt sie im Gegenzug von den Niederländern wesentlich mehr als die ursprünglich verlangten 2,56 Euro pro Quadratmeter Kaufpreis – Näheres wurde von Bürgermeister Michael Zander allerdings nicht mitgeteilt. Zudem rechnet man mit erklecklichen Gewerbesteuereinnahmen. Zwar handelt es sich letztlich um eine niederländische Holdinggesellschaft, dennoch werde man den Sitz in der Region anmelden und – nach dem Ende der Abschreibungsphase – Steuern in Deutschland entrichten, stellten die Smits in Aussicht.

Das Ingenieur- und Agrarberatungsbüro Michael Herdt, welches die technische Seite des Mega-Hühnerstalls vorstellte, gab sich unterdessen optimistisch, etwaige Bedenken in Sachen Geruchs-, Staub- oder Kotbelastung zerstreuen zu können. Die dafür notwendigen technischen Lösungen seien vorhanden: Entsprechende Filteranlagen sollen eingebaut und der Kot in die Biogasanlage nach Wiesbaum bei Hillesheim transportiert werden. Die ausgedienten Legehennen, deren Lebensdauer 18 Monate beträgt, wandern nach Belgien zum Schlachten. Die Wohngebiete und die direkt angrenzenden Naturschutz-, Vogelschutz- und streng geschützten FFH-Gebiete (Anm. d. Red.: FFH steht für Fauna-Flora-Habitatrichtlinie, grob gefasst: Naturschutz) werden, so das Versprechen und die Berechnungen der Ingenieure, nicht beeinträchtigt. Die Zusagen müssen die Kreisverwaltung und die SGD (Struktur- und Genehmigungsdirektion) Nord erteilen, sollte der Verkauf des Areals seitens der Gemeinde tatsächlich beschlossen werden. Allerdings liegen der SGD Nord bislang nur Absichtserklärungen vor und keine plausiblen, belastbaren Unterlagen vor.

Viele Fragen offen

Dietmar Johnen, der als Landwirt und grüner Landtagsabgeordneter der Bürgerversammlung lauschte, äußert sich im Nachhinein sehr nachdenklich. "Zunächst einmal müssen wir feststellen, dass wir in Europa eine große Überproduktion an Eiern haben. Zusätzliche Kapazitäten werden gar nicht benötigt... abgesehen von der Frage, ob Verbraucher überhaupt Eier von Hennen wollen, die zu achtzehnt nur einen Quadratmeter Platz haben." Er fragt, warum die Niederländer überhaupt in Birresborn investieren wollen und nicht in ihrer Heimat oder in Niedersachsen. "Dort jedenfalls gibt es angesichts der Folgen der Massentierhaltung massiven Widerstand gegen weitere Projekte." Ob tatsächlich die erhofften Steueraufkommen anfallen, ob das Futter gentechnikfrei ist oder wie hoch der Antibiotikaeinsatz ist und anderes mehr sind für ihn wichtige Fragen, die bislang offen geblieben sind.

Der Lokalo-Redaktion liegt darüber hinaus ein Schreiben des grünen Fraktionschefs in der Verbandsgemeinde Gerolstein, Norbert Worm, vor, in dem er von einer Qual-Haltung von Tieren spricht. Er rechnet mit einer Todesrate von zehn Prozent – also mit 33 000 Kadavern jährlich. "In einer Anlage dieser Größenordnung fallen jährlich etwa 7000 Tonnen Hühnerkot an, die auf unseren Weiden und Äckern sowie in einer Biogasanlage ‚entsorgt’ werden. Dies alles in einem hoch sensiblen Naturraum."

Geflügelhalter der Region sind skeptisch

Abgeschreckt zeigen sich in ersten Gesprächen auch andere Eifeler Geflügelhalter. Sie haben in der Regel deutlich weniger Federvieh als die geplante Zahl von 330 000 Legehennen, oft sogar unter Zehntausend bis hin zu mehreren Zehntausend. Sie möchten namentlich derzeit nicht genannt werden und tauschen sich zunächst untereinander aus. Sie betonen jedoch: "Wir sehen als Erzeuger, die vor allem direkt und regional vermarkten, die Pläne natürlich nicht als Konkurrenz. Schließlich wollen die Smits an Discounter und die Lebensmittelindustrie liefern. Aber eine solche Massentierhaltung passt überhaupt nicht zum hochwertigen Image der Eifelprodukte. Das könnte Schaden nehmen, wenn unser Standort plötzlich für derartige Produktionsmethoden steht."

Andere Kritiker machen sich Sorgen um den Tourismus, der beeinträchtigt werden könne: Das Kylltal gilt als Anglerparadies, der Kylltalradweg führt nah an der geplanten Mega-Farm vorbei und Wanderer werden, so die Befürchtung, angesichts eines plötzlich im Wald auftauchenden "Hühnerknastes" ebenfalls kein gutes Eifelbild erleben.

Die Diskussion über das Birresborner Gewerbegebiet "Auf dem Boden" beginnt gerade erst. Die Gemeinderatsmitglieder müssen sich nun selbst kundig machen, welches die Chancen und welches die Risiken sind, die sie ihren Bürgern zumuten oder vorenthalten. (ako)

Kontext
Datum 23.10.2013
Quelle lokalo.de
Unternehmen Huehnerfarm
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