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Mit Mist gegen den Hochwasser-Überfall

Daun sowie Kylltalgemeinden Birresborn, Mürlenbach, Densborn am stärksten von Flut betroffen ­ Zahlreiche Straßen gesperrt ­ Bundeswehr hilft mit Sandsäcken

In einem Punkt waren sich alle Einsatzkräfte einig: So schnell und eben auch so überraschend wie diesmal ist noch selten ein Hochwasser gekommen. Am härtesten traf es Daun und die Kylltal-Gemeinden Birresborn, Mürlenbach und Densborn, wo zahlreiche Straßen, Gärten und Keller unter Wasser standen, Straßenmeistereien und Wehren bis tief in die Nacht im Einsatz waren.

"In den Abendstunden wurde es kritisch, danach waren wir pausenlos im Einsatz", berichtet Raimund Dillbahner, Leiter der Straßenmeisterei Daun, von arbeitsreichen Stunden. Rund zwölf Mann sind mit Unimogs und Räumgerät unterwegs, um Straßen von Wasser und Schlamm zu befreien. Halb so groß ist das Team seines Amtskollegen aus Gerolstein, Markus Fohn, das aber eine ebenso kurzweilige Nacht erlebt.

Wegen eines Erdrutsches muss die K 28 bei Densborn und in der Folge auch die L 16 zwischen Meisburg und Mürlenbach zeitweise gesperrt werden. Ebenso fast die ganze Nacht nicht passierbar ist die B 257 bei Oberstadtfeld, die überschwemmt wurde. Weil ein veralteter Durchfluss den Wassermassen nicht Herr wird, und Schlamm von einem Wirtschaftsweg hinunterschießt, muss auch die K 29 bei Michelbach vorübergehend gesperrt werden. Weiterhin gesperrt werden die L 24 zwischen Lissingen und Densborn, die die K 47 zwischen Ober- und Niederbettingen sowie die L 10 zwischen Oberbettingen und Scheuern.

Arbeitsreiche Stunden liegen auch hinter den Feuerwehrmännern. Viele Wehren eilen vor allem in den kritischsten Stunden bis Mitternacht von Einsatz zu Einsatz. Eine Vielzahl von Kellern stehen unter Wasser und müssen leer gepumpt werden. Die Gründe: Lieser und Kyll schwollen dramatisch an, ebenso kleine Bäche. Zudem stieg der Grundwasserspiegel durch den Regen rapide an. Wasser drang aus Hängen und quoll aus Gullideckeln nach oben.

Laut Manfred Reicherz, Wehrleiter der Verbandsgemeinde Daun, ist Gemünden am Zusammenfluss von Pützborner Bach und Lieser besonders betroffen. Hier sei das Wasser in vier Wohnungen geschwappt. Um Eingänge von Gebäuden abzudichten, werden laut Reicherz in der Nacht auch in der VG Daun annähernd 700 Sandsäcke gefüllt. Sie kommen unter anderem in der Dauner Dreesgasse zum Einsatz ­ mit Erfolg. Hier bleiben die Häuser trocken.

Anders beim Hit-Markt in der Bahnhofstraße. Nach 2001 erwischt es den Supermarkt erneut. "Wir hatten zwar, weil wir wussten, was auf uns zukommt, das Tor zur Getränke-Warenannahme dicht gemacht, aber diesmal kam das Wasser von der Seite in den Maschinenraum und den Getränkemarkt", schildert Marktleiter Helmut Becker. Mehrere Mitarbeiter schaffen sofort die Ware in den sicheren hinteren Bereich, die Feuerwehr stellt eine Pumpe zur Verfügung, zusätzlich greift das Personal selber zu Schaufel, Eimer und Putzmaschine um das Wasser herauszudrängen.

Dauner Sprudel unter Wasser

Ein ähnliches Bild bietet sich beim Dauner Sprudel. "In vier Büros, dem Labor und in der Betriebshalle stand das Wasser zentimeterhoch", berichtet Betriebsleiter Karl-Heinz Riemann. Die erste Bilanz: kaputte Möbel und eine beschädigte Computeranlage. Zusätzlich zum Wasser gesellt sich in der Betriebshalle Schlamm aus dem benachbarten Burbach. Riemann: "Wir mussten Paletten verstellen, um den Dreck abzuspritzen." Bis in den späten Abend hinein und Freitag früh ab sechs Uhr wird kräftig geputzt. "Jetzt müssen wir zusehen, dass wir die mit Schlamm vollgelaufenen Kanalsysteme freibekommen ­ für den Fall, dass noch etwas nachkommt", sagt Riemann.

Auch die benachbarte "Eifel-Reha" kommt nicht ungeschoren davon. Betreiber Rüdiger Unger hat unter anderem mit einem bis zur Decke vollgelaufenen Lüftungskeller zu kämpfen. "Die eingesetzten Pumpen schafften die Wassermassen in der Nacht nicht, erst gestern morgen bekamen wir sie endgültig raus. Vom Kurpark her kam das Wasser und aus den Gullis." Immerhin: die Fluten der Lieser erreichten nicht das Erdgeschoss, aus dem elektrische Geräte vorsorglich herausgeholt wurden. Dennoch ist der Schaden da: Die Lüftungsanlage des Schwimmbads hat ihren Geist aufgegeben.

In der Not stehen nicht nur in der "Eifel-Reha", wo laut Unger seine Frau, die Putzfrau, deren Sohn und eine Rezeptionsdame gemeinsam gegen das Wasser kämpfen, alle zusammen. Auch im Dauner Stadtteil Rengen klappte die Nachbarschaftshilfe. Der kleine Hasbach schwoll bedrohlich an. Wasser gerät auf die Hauptstraße und in die Keller dreier Anlieger. Anwohner und Feuerwehr packen gemeinsam an, um das Wasser aus den Kellern zu bekommen. Auch die Feuerwehr selbst bekommt Hilfe ­ und zwar von der Bundeswehr. "Als sich abzeichnete, dass wir mit unseren 700 Sandsäcken an Grenzen stoßen, hat uns die Kaserne in Daun 1000 Sandsäcke zur Verfügung gestellt. Das war toll", dankt Reicherz den Soldaten. Weitgehend verschont blieb diesmal die Verbandsgemeinde Kelberg, wie Wehrleiter Albert Berens berichtet. Dennoch ist er auch am Tag nach den Fluten noch immer beeindruckt: "Die Wassermassen waren immens. So was habe ich hier oben noch nicht gesehen." Ein ähnliches Bild auch in der VG Obere Kyll. Lediglich die Feuerwehr Jünkerath und der VG-Bauhof rücken zu einem Einsatz in der leicht überschwemmten Gewerkschaftsstraße in Jünkerath aus. "Der Pegelstand der Kyll lag bei 1,70 Meter. Erfahrungsgemäß wird es erst ab 1,95 Meter kritisch", sagt Wehrleiter Helmut Bauer. "Wir haben Glück gehabt."

Glück im Unglück hingegen in Birresborn: Was am Donnerstagmittag vielleicht erwartet aber lediglich als ungefährlich eingestuft worden war, wird rasch brutale Realität: Die Kyll tritt über die Ufer und überflutet die neue Kläranlage in Birresborn. Am Freitag zeugt eine braune Schlämm- und Geröll-Schneise vom kurzen, aber heftigen Besuch. Bei dem unerwartet Schaden angerichtet wird.

Ernst Krämer, Leiter der Wehren im Gerolsteiner Land, berichtet: "Zwar wurden weder die Becken überflutet, aber dafür hat sich die Kyll an der im Bau befindlichen Brücke einen Umweg gebahnt. Und der führte genau durch die Kläranlage." Das Ergebnis: Die gewaltigen Wasser- und Schlamm-Massen dringen auf der einen Seite in das Areal ein, auf der anderen geht's wieder raus. Die neue Maschendrahtumzäunung stellt dabei nur kurz ein Hindernis dar, das binnen Minuten niedergerissen ist. Werkleiter Karl Seidel atmet trotzt des geschätzten Schadens von rund 5000 Euro auf: "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen. Wäre das Wasser in den Maschinenraum eingedrungen, hätten wir schnell einen mehr als zehn Mal so hohen Schaden gehabt." Und die Feuerwehr war laut Krämer sowieso zum Zusehen verdammt gewesen, denn der reißende Fluss blockierte die Zufahrt zum Klärwerk.

Doch andernorts hat sich das Eingreifen der Wehrleute bezahlt gemacht. Rund 200 Feuerwehrkameraden aller Wehren des Gerolsteiner Landes sind im Einsatz ­ wenn nicht im eigenen Dorf dann zur Nachbarschaftshilfe.

Hohen Schaden können die Hilfskräfte beispielsweise im neuen Densborner Gewerbegebiet im Kylltal verhindern. Bei einem Recycling-Unternehmen droht sich das Wasser der Kyll über eine kleine Ablaufrinne zurückzustauen und in die Produktionshallen zu fließen. Selbst die eingesetzten Pumpen werden der Wassermassen nicht Herr. Krämer: "Erst nachdem wir es geschafft hatten, einen Stopfen auf den Zufluss zu setzen, war die Gefahr gebannt."

Am längsten ­ bis 4 Uhr in der Nacht ­ sind die Mürlenbacher Wehrleute im Einsatz. Doch weniger die Kyll, als vielmehr der ansonsten unscheinbare Braunebach, sorgt für Arbeit und Ärger. Der Rückstau ist so groß, dass zwischen Kyllbrücke und Gemeindehaus ein kleiner See entsteht, und das Wasser in die umliegenden Häuser läuft. So kann auch die rasch errichtete Barrikade aus Sandsäcken nicht verhindern, dass eine angrenzende Metzgerei überflutet wird.

Michelbacher mit besonderem Erfolgsrezept

Mehr Erfolg haben die Wehrleute in Michelbach, die dank der aufgetürmten Schutzwälle etliche Häuser und auch das Hotel des Ortes schützen. Bei ihren Einsätzen setzen sie teilweise nicht allein auf Sand, wie Wehrführer Hans-Josef Gitzen bestätigt: "An machen Stellen wie an der alten Mühle haben wir Mist aufgeschichtet, denn der war schneller verfügbar und dichtet super ab." Auf das gleiche Rezept setzt auch die Feuerwehr in Katzwinkel ­ mit Erfolg.

In den anderen Orten wird primär auf den Schutz durch Sandsäcke gesetzt. Die sind auch reichlich vorhanden, denn die Bundeswehr stellt etliche Dutzend bereits gefüllte Säcke zur Verfügung. Krämer: "Dafür haben wir ihnen mit einer Pumpe ausgeholfen, da im Bunker die Hauptschaltzentrale vom Wasser bedroht war." Alles in allem ist der Werkleiter froh, dass "wir Gott sei dank keine Ölschäden hatten und auch keine Leute evakuiert werden mussten".

Weniger dramatisch ist die Lage in Gerolstein, wo lediglich einige Keller voll laufen, und ein auf dem Kyllparkplatz abgestellter Wagen kurz vorm Absaufen abgeschleppt werden muss. Ebenso die Lage im gesamten Hillesheimer Land, wo rund 80 Wehrleute von Oberbettingen bis Ahütte teilweise bis Mitternacht im Einsatz sind, Häuser mit Sandsäcken schützen und Keller auspumpen.

So im Hillesheimer Altenheim und im Lidl-Markt, die ebenso überflutet werden wie Häuser in Oberbettingen und Ahütte, wie Wehrleiter Günter Schnitzler berichtet.

Und die Polizei berichtet davon, dass es wegen Aquaplanings am Donnerstagnachmittag zu einem Zusammenstoß zweier sich zwischen Birresborn und Mürlenbach entgegenkommenden Autos kam. Beide Fahrer werden verletzt ins Gerolsteiner Krankenhaus eingeliefert.

Kontext
Datum 04.01.2003
Quelle Quelle: Trierischer Volksfreund
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