Hier leben ist wie Urlaub machen...

Birresborn

Eifelgemeinde mit Herz

Kontext
Datum 16.07.2021
Quelle Quelle: Trierischer Volksfreund
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Gemeinde

Von großer Verzweiflung bis Dankbarkeit - Das sagen Vulkaneifler nach der Flut

Birresborn Vom Hochwasser stark betroffen sind die Dörfer entlang der Kyll: In Birresborn, Mürlenbach und Densborn haben die Menschen mit dem Aufräumen begonnen - und erzählen von ihren Erlebnissen.

In Birresborn, wo nicht nur die Anrainer der Kyll, sondern auch des ansonsten sehr kleinen Fischbachs stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, gibt es am Freitagmorgen nur ein Thema: das Hochwasser. Selbst beim Bäcker wird darüber gesprochen. Es wird sich darüber ausgetauscht, wie es dem Gegenüber geht, was man selbst durchlebt hat. „Leute haben einfach auf der Straße gesessen und geweint“, berichtet die Verkäuferin.

Stark betroffen sind auch Christa und Michael Bleses, die zwar weit weg von der Kyll wohnen, aber dafür nah am Fischbach. Das ist üblicherweise nur ein Rinnsaal in einem Bachbett gut zwei Meter tiefer, zudem ist das Grundstück durch eine massive Mauer geschützt. Und dennoch hat das alles nichts genutzt, da sich das Bächlein binnen kurzer Zeit zu einem reißenden Sturzbach verwandelt hat und um mehr als drei Meter (!) angestiegen ist. „Irgendwann wurde der Druck zu groß und die Terrassentür wurde gesprengt. Am Ende hatten wir im gesamten Erdgeschoss einen Meter hoch das Wasser stehen“, sagt Christa Bleses. Sie hätten sich dann in den ersten Stock gerettet. Das Wasser stieg weiter: „Bis zur sechsten Treppenstufe“, erinnert sie sich. „Nachts, als der Regen nachgelassen hatte, sind wir dann mit der Kerze in der Hand – denn der Strom war ja weg - zur Treppe und waren heilfroh, als wir gesehen haben, dass es nicht weiter steigt. Natürlich haben wir kein Auge zugemacht. Und ehrlich: Ich hatte Schiss, dass der Regen wieder anfängt.“

Sie zeigt auf die schlammigen Ränder am Schrank im Arbeitszimmer. Die Bücher darin: alle kaputt. „Nur meinen Laptop konnte ich noch retten, indem ich ihn ganz oben auf den Schrank gelegt habe“, berichtet sie. Ob die Kleidung, die vielen Haushaltsgegenstände im Erdgeschoss und die schweren Eichen-Schränke noch brauchbar sind, wird sich zeigen. Und bis der Hof wiederhergestellt ist, bei dem das Wasser die Pflastersteine herausgerissen hat, ist auch noch viel Arbeit vonnöten. Dennoch ist sie dankbar über die Hilfe: dass im Gemeindehaus Mittagessen für die Betroffenen ausgegeben wurde („Wir haben ja seit Tagen keinen Strom.“), dass Soldaten beim Aufräumen helfen („Wir hätten die schweren Schränke nie aus dem Haus bekommen.“), dass die Familie, Freunde und Nachbarn („Sie kam heute Morgen mit Kaffee rüber.“) und wildfremde Menschen mit anpacken. Christa Bleses berichtet: „Gestern war hier ein Mann, der mit dem Abzieher durchs Haus ist und alle Böden gesäubert hat. Da bin ich mal zu ihm hin und habe gesagt: Ich kenne Sie ja gar nicht. Da meinte er: ‚Ich bin hier in Urlaub und komme aus Hamburg. Da kennen wir Hochwasser.’ Das ist doch toll.“

In Densborn ist Eva Hermanns noch glimpflich davon gekommen. „Das Wasser ist nicht bis ins Haus gekommen“, sagt die junge Mutter. Mit Brettern und großen Barrieren aus gepresstem Papier, konnte sie das Wasser noch gerade fernhalten. Allerdings wird es derzeit schwierig mit dem Auto aus dem Carport zu kommen, weil in der Einfahrt Erde weg gespült wurde. Obwohl es immer noch keine Strom gibt, ist sie erleichtert, noch gut davon gekommen zu sein.

Schlimmer getroffen hat es Tina Theis mit ihrem Dorfladen. „Es war mein Laden“, antwortet sie auf die Reporterfrage. Etwa einen halben Meter hoch ist die Brühe in ihr Geschäft geschwappt. Mehrere Kühlgeräte seien nicht mehr zu retten. Erst am Mittwoch habe sie eine Lieferung Eis für 400 Euro angenommen. Jetzt ist das Gerät kaputt, die Eispackungen liegen vor dem Laden im Schmutz.

Eine Versicherung gebe es nicht, weil das Gebäude, in dem sie die Räume für den Laden gemietet hat, nicht versichert ist. Schon während der Corona-Krise sei es schwierig gewesen, weil die älteren Leute von anderen mit Lebensmitteln versorgt wurden. Jetzt sei an einen Geschäftsbetrieb erstmal gar nicht zu denken.

„Vor zwei Jahren habe ich mit über 50 noch einmal investiert“, sagt sie. Dafür habe sie Schulden machen müssen. Und jetzt könne sie, obwohl sie immer alle Rechnungen pünktlich bezahlt hätte, ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. „Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und jetzt weiß ich nicht, wie ich meine Miete bezahlen soll“, sagt Tina Theis und ringt um Fassung.

Auch viele Wohnhäuser sind beschädigt. Bei einer Familie, die namentlich nicht genannt werden möchte, steht das gesamte Inventar des Erdgeschosses im Freien unter einem Dach. „Alle Möbel sind kaputt“, sagt der junge Mann. Aber er denkt auch an die Menschen, die es noch viel härter getroffen hat.

In Mürlenbach hatte sich Kevin Koeppe auf seinen ersten Auftritt nach einem Jahr Pandemiepause am Samstag gefreut. Doch daraus wird nun nichts, denn auch bei ihm ist die Kyll bis ins Haus geschwappt. Viele seiner Geräte, die er für die Auftritte braucht, konnte er zwar retten und bei seinen Eltern unterstellen. Anderes aber ist zerstört worden. Fast einen Meter hoch hat das Wasser in der Garage und im Keller gestanden. Auch seine Motorräder habe es erwischt.

Wenige Meter weiter kehrt Daniel Mergen seinen Hof, auf dem viel Schutt liegt. Ein Auto steht mit offenen Türen im Hof zum Trocknen. Es habe zwar in der Garage gestanden, aber auch dort sei das Wasser hingekommen. Seinen eigenen Wagen habe er in Sicherheit bringen können, als er von der Arbeit gekommen sei. Ein Nachbar erzählt, dass das letzte Hochwasser dieser Art im Jahr 1918 gewesen sei. Ein Bild im Gemeindehaus zeige dies. In Mürlenbach selbst sieht man auch einige Bundeswehrsoldaten, die helfen. „Die Bundeswehr hilft dort, wo es am nötigsten ist“, sagt Mergen. Er komme alleine klar, bei älteren Menschen aber sei mehr Hilfe nötig. „Haupt­sache, es ist niemandem etwas passiert“, sagt er – so wie auch andere, die vieles von ihrem Hab und Gut verloren haben – und drückt sein Mitgefühl für die Menschen aus, die es noch viel schlimmer getroffen hat.

Von Mario Hübner und Nora John